Der Gollum vom Bosporus

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Dass Erdogan gegen Satire aus dem Ausland vorgeht, ist nur die Erweiterung seiner Allmachtsfantasie, die er schon seit längerem gegen das eigene Volk austobt. Zum Beispiel gegen einen Arzt, der ihn online mit Gollum verglich. Es folgt dazu ein Artikel aus COMPACT 1/2016 – hier bestellen

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_von Harald Harzheim

Wenn Prominente gegen harmlose Satire vorgehen, müssen sie wissen: Durch juristischen Gegenangriff verhelfen sie dem Spott erst zum Ruhm! Nichts erweitert den Publikumskreis so sehr wie Skandalisierung. Das scheint dem türkischen Präsident Erdogan noch Neuland zu sein. Den ließ nämlich ein Vergleich seiner Person mit Gollum, dem Gnom aus „Der Herr der Ringe“, nicht rasten und nicht ruhen. Der Arzt Bilgin Çiftçi hatte drei Bilder des Staatschefs mit drei Gollum-Standbildern (aus Peter Jacksons Herr der Ringe-Verfilmung) zu Foto-Paaren montiert. Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Aber erst Erdogans Anzeige gegen den regierungskritischen Arzt hat für weltweite Verbreitung der Fotos gesorgt.

Gollum ist der ehemalige Hobbit Sméagol, der wegen seiner Gier nach dem Ring seinen Verwandten Deagol tötet. Daraufhin verwandelte er sich in einen scheußlichen Gnom. Der Ring, dessen Machtpotential einen Suchteffekt hervorruft, ist jedoch eine Nummer zu groß für ihn: Gollum verliert seinen Verstand, redet über sich in der dritten Person, ganz so, als sei er Schizo oder auf Acid. Bald schon verliert er seinen „Schatz“ wieder. Während der ganzen Handlung vom Herrn der Ringe versucht er, ihn zurück zu erlangen. Paktiert, schleimt, versucht es mit Hinterlist. Im Finale stürzt er schließlich ab (in einen Vulkan).

Moment! Probe aufs Exempel: Zuerst ein vernünftiger Mensch (ehemals erfolgreiche Wirtschaftspolitik), dann plötzlicher Ausbruch von Größenwahn (neues großtürkisches Reich), von Hinterlist gegenüber Verbündeten (der IS-Deal)… Das klingt schon verdammt nach Erdogan. Klingt überhaupt sehr nach Politiker! Vor allem die baldige Absturz-Prophezeiung… Laut „Bild“ hat der kreative Arzt inzwischen seinen Krankenhaus-Job verloren. Außerdem steht er in Aydin vor Gericht und die Anwälte streiten über die Frage, ob es sich um Beleidung handele oder nicht. Falls ja, drohen zwei Jahre Haft. Da der Richter sich fachlich überfordert glaubt, hat er eine Expertenkomission (zwei Wissenschaftler, zwei Psychologen und einen Filmexperten) einberufen.

Der drang bis nach Neuseeland vor. Von dort meldete sich laut „Spiegel“ sogar Herr der Ringe-Regisseur Peter Jackson zu Wort: Die drei Fotos zeigten nicht Gollum, sondern dessen früheres Ich, den gutmütigen Hobbit Sméagol: „Wenn das wirklich die Bilder sind, auf denen der türkische Prozess basiert, dann können wir definitiv sagen: In keinem davon ist die als Gollum bekannte Figur abgelichtet. Auf allen ist die Figur namens Sméagol zu sehen.“ Der aber sei, so Jackson, ein fröhlicher Charakter, er „lügt nicht, er betrügt nicht, und er versucht nicht, andere zu manipulieren. Er ist nicht böse, hinterhältig oder arglistig – das sind alles Gollums Eigenschaften, der niemals mit Sméagol verwechselt werden sollte.“ Man merkt: Jackson versucht durch diese Aufzählung, das Assoziationspotential des Vergleichs zu entkräften. Das hat er sicher gut und solidarisch gemeint, und Spiegel, FAZ und Bild übernehmen diese Klarstellung auch unwidersprochen. Aber leider stimmt sie nicht. Sméagol tritt nur in einer Szene (zu Beginn des dritten Teils) auf. Und da sieht er tatsächlich wie ein Mensch aus. Nein, diese drei Fotos zeigen ihn nach der Metamorphose, präsentieren ihn als Gollum.

Aber Gollum hin, Sméagol her: solche Klarstellungsversuche lenken doch Thema ab, zeigen doch vor allem eins: Dass unter dem Tyrann Erdogan keinerlei Satire mehr erlaubt ist. Dass der Staats-Chef tatsächlich unter gollumesken Größenwahn leidet. Deshalb sollte er die Klage im eigenen Interesse diskret fallen lassen. Und Gollum soll bitte auch nicht gegen diesen Vergleich klagen!

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