Die ARD versucht mal wieder am Puls der Zeit zu sein. Aber wie üblich fühlt der Staatsfunk den Puls, ohne zu doll zuzudrücken.

    _von Phil Mehrens

    Gleich zwei »Filmmittwoche im Ersten« deklinierten im April dieses Jahres die Merkel-Parole »Der Islam gehört zu Deutschland« durch – unter zwei allerdings recht unterschiedlichen Vorzeichen. Der NDR-Film »Das deutsche Kind« von Umut Dag (Erstausstrahlung: 4. April 2018) ist eine moderne Kaukasischer-Kreidekreis-Variation, die auf der durchaus abenteuerlich zu nennenden Konstruktion basiert, dass ein Waisenkind gemäß testamentarischer Verfügung seiner Mutter (Petra Schmidt-Schaller) den liebenswerten und blendend integrierten Mohammedaner-Nachbarn von gegenüber anvertraut werden soll und nicht den eigenen Großeltern.

    Ein erbarmungsloses Drehbuch lässt die Mutter der kleinen Pia den plötzlichen Unfalltod sterben. Und da die Verblichene sich zu Lebzeiten mit ihren Eltern überworfen hat, will das Testament Pia in einem modern-mohammedanischen Ersatz-Elternhaus an der Seite eines etwa gleichaltrigen Mädchens aufwachsen lassen und nicht bei alten Leuten.

    So kommt ein junges muslimisches Ehepaar wie die Jungfrau zum Kinde und ein altes deutsches Ehepaar vom Regen in die Traufe. Dass sich die Mutter mit den Eltern der Spielgefährtin ihrer Tochter besser versteht als mit ihren Eltern, ist ein Bissen, den der kritische Zuschauer noch bereitwillig schluckt. Auch der aus dem Widerspruch zwischen orientalischer Tradition und dem – so suggeriert es der Film – starken Assimilationsdruck der westlich-aufgeklärten Gesellschaft resultierende Konflikt, dem die frisch gebackenen Pflegeeltern ausgesetzt sind, sorgt für Spannung und macht das Familiendrama zum unterhaltsamen Abendprogramm.

    So sehen die netten Leutchen aus, die das Mädchen Pia großziehen sollen. Bild: Screenshot ARD-Film Das deutsche Kind

    Spannungen gibt es zunächst zwischen den Generationen, zunehmend dann aber auch zwischen der Pflegemutter, die (trotz Kopftuch) eher westlichen Werten zuneigt, und ihrem im örtlichen Moscheeverein aktiven Mann, der umso mehr dem orientalischen Familienideal zuneigt, wie er infolge des Konflikts Gegnerschaft gegen einen Moschee-Neubau erstarken sieht, mit dem seine berufliche Karriere als Imam verknüpft ist. Das ist die Stelle, an der im Film (wie erwartet) die Stunde der öffentlich-rechtlichen Deutungshoheit schlägt – bedauerlicherweise.

    Denn im Konflikt um den Moscheebau treffen klischeegerecht voreingenommene Dünkeldeutsche auf moderne Muslime, die keiner Fliege was zuleide tun können, in der zweiten Generation akzentfrei Deutsch sprechen und natürlich Ü-BER-HAUPT nicht radikal sind. Nicht im Traum würde hier einer daran denken, Grundpfeiler der westlichen Demokratie wie Glaubensfreiheit oder Gleichberechtigung in Frage zu stellen. Steht ja doch im Koran drin, wie toll die westlichen Demokratien sind!

    Für Drehbuchautor Paul Salisbury repräsentieren die so Porträtierten, wie er selbst sagt, die »Mehrheit der Muslime« in Deutschland: Menschen, die keine Probleme wollen und daher auch keine machen. Das hat viel mit Belehrungs- und Bekehrungsfernsehen zu tun und wenig mit der Wirklichkeit. Die ist beispielsweise in »Inside Islam« nachzulesen, dem Recherche­band des arabischsprachigen »Tagesschau«-Journalisten Constantin Schreiber, dessen Befunde man mit dem schlichten Merksatz zusammenfassen kann: »Westliche Werte und Koran lassen sich aus Sicht der meisten Imame nicht zur Deckung bringen.«

    Der Film von Regisseur Umut Dag, selbst Kind kurdischer Einwanderer, predigt dagegen die alte Leier vom
    ehrenvollen Ringen moderner, aufgeklärter Kräfte gegen den Geist der Reaktion. Den Idealtypus des fortschrittlichen, integrationswilligen Mohammedaners vertritt das junge Ehepaar, den Prototyp des konservativen Bremsers verkörpert die Elterngeneration der Zuwanderer. Spiegelbildlich dazu auf der Seite der deutschen Protagonisten: Pias verstorbene Mutter, Inkarnation des jungen, »toleranten und weltoffenen« Deutschlands, und als ihr Widerpart: die gehässige, intrigante Großmutter.

    Katrin Sass (»Weissensee«) spielt Pias Oma als eiskalte Lady Macbeth, der jedes Mittel recht zu sein scheint, um ihre Enkelin zurückzuerobern. Skandalöser Höhepunkt: Sie initiiert, obwohl die Großeltern gar nicht das Sorgerecht haben, die heimliche Taufe des Kindes, um dessen Moslemwerdung zu unterbinden. Unabhängig davon, wer bei diesem Tauziehe nim kaukasischen Kreidekreis den Sieg davonträgt, ist die Botschaft eindeutig.

    Denn das junge Moslempaar, das den weiteren Weg zur Versöhnung geht und von Dag als der Klügere inszeniert wird, der am Ende – Bertolt Brecht lässt grüßen – zum Wohle des Kindes nachgibt, verlässt den Kampfplatz als moralischer Sieger. Während »Das deutsche Kind« keinen Zweifel daran lässt, dass der Islam – in einer angepassten, aufgeklärten und integrationsfähigen Form, wie ihn die Filmhandlung suggeriert – tatsächlich zu Deutschland gehören kann, öffnet der eine Woche später ausgestrahlte Beitrag »Macht euch keine Sorgen« von Emily Atef, aktuell auch mit ihrer Romy-Schneider-Würdigung » Drei Tage in Quiberon« im Kino vertreten, die Büchse der Pandora und fragt danach, wie denn das Merkel-Diktum gemeint ist:

    Gehört der Islam zu Deutschland wie auch Autounfälle und Fußpilz zu Deutschland gehören, weil es diese Dinge – wie in jedem Land der Welt nun einmal gibt (die Frage ist nur, ob man darauf von höchster politischer Stelle eigens hinweisen muss, denn wer redet schon gern über Autounfälle oder Fußpilz)? Oder gehört der Islam zu Deutschland wie seine konstitutiven rund 1200 Jahre Christentum? »Macht euch keine Sorgen« schlägt die gleiche Richtung ein wie bereits im November 2017 der Zweiteiler »Brüder« von Züli Aladag und folgt der Autounfalle-Lesart des apodiktischen Machtworts der Kanzlerin.

    Denn es geht um Salafisten, um den deutschen Abiturienten Jakob genauer gesagt, der seinen Eltern dem Filmtitel zum Trotz große Sorgen macht. Er ist nämlich nach Syrien gereist, um sich dort in den Dienst des so genannten IS zu stellen. Vater (Jörg Schüttauf) und Bruder reisen ihm nach und schaffen es tatsächlich, den Jungen zurückzuholen. So weit, so aufregend. Rätsel gibt jedoch die überraschende Entscheidung der Autoren auf, Jakob ausgerechnet aus einer Familie frommer Christen hervorgehen zu lassen.

    Gleich die zweite Szene des Films mit dem Tischgebet: »Du gibst uns, Herr, mit Speis’ und Trank Gesundheit, Kraft und Leben, drum nehmen wir mit Lob und Dank, was du uns hast gegeben!« legt nahe, dass nicht etwa der glaubensfern-materialistische Zeitgeist, der das grundlegende spirituelle Bedürfnis des homo religiosus ungestillt lässt, Jakob und seinen Freund Falk in die Fänge falscher Erlösungsversprechen trieb, sondern eher eine elterlich gelenkte religiöse Disposition.

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    Das ist eine provozierend realitätsfremde Drehbuchkonstruktion. Sind es in Wahrheit doch eher die Enttäuschungen des seelenlosen Materialismus und hektischen Hedonismus unseres Zeitalters, der Postachtundsechziger-Ära, die vor allem junge Menschen Ausschau nach Sinn und Wegen zu tieferer Erfüllung halten lassen. Ich selbst bin seit vielen Jahren in einer Kirchengemeinde aktiv, die etlichen jungen Leuten Halt und Sinn gegeben und sie gegen die Heilsversprechen falscher Propheten immunisiert statt wie im Fall des Filmjakobs empfänglicher gemacht hat.

    Eine ganze Reihe von ihnen ist später zwar tatsächlich in ferne Länder gereist, einige sogar (wie Falk und Jakob) in solche mit islamischer Prägung, aber alle im Dienst oder mit Unterstützung christlicher Missionsgesellschaften und nicht als kriegslüsterne Antichristen mit IS-Sturmgewehr in der Hand. Im Film von Emily Atef dagegen wird der Eindruck erweckt, man müsse die Religion als Ursache allen Übels, als grauen Schneematsch von gestern sozusagen, hinter sich lassen, wie es einst Marx forderte, um endlich zur Seligkeit eines befreiten Multikulti-Miteinanders vorzudringen:

    »Betest du noch?«, fragt im letzten Dialog des Films der Vater seinen scheinbar vom Islam-Virus genesenen Sohn. »Nein«, erwidert der, »und du?« Keine Antwort. So wenig wie sein Vorgänger auf dem »Filmmittwoch«-Sendeplatz traut sich die Regiearbeit von Emily Atef, deren Vater aus dem Iran stammt, das Übel bei seiner Wurzel zu packen. Die These, die ihr Film vielsagend umschifft, obwohl sie doch auf der Hand liegt, lautet: Ein Land, das sich seiner eigenen Herkunft und Identität sicher ist, immunisiert sich selbst gegen zerstörerische Fremdeinflüsse.

    Diese unbequeme Schlussfolgerung verhindert die Regisseurin durch das herbeifantasierte Feigenblatt einer
    christlichen Erziehung, bei der der Schuss voll nach hinten losgegangen ist. Dieser Mangel an Authentizität an entscheidender Stelle entlarvt die WDR-Produktion als Werk der neomarxistischen Apologetik, ganz dem Geist jener »progressistischen Mumien« verpflichtet, die der französische Zeitkritiker Michel Houellebecq auf den »Zitadellen« der westlichen Medien verkrampft in das Bemühen vertieft sieht, zu kaschieren, dass die Fundamente ihres Weltbildes längst brüchig und seine Fassaden rissig geworden sind.

    Beide ARD-Produktionen weisen letztlich denselben Webfehler auf: Sie bilden zwar in dramatisch zugespitzter Form Aspekte der bundesdeutschen Wirklichkeit ab, versperren aber durch realitätsferne Finten die Sicht auf ungeliebte Schluss­folgerungen: die, dass es vielleicht doch mehr Fundamentalismus in deutschen Moscheen gibt, als einem lieb ist; die, dass nur, wer in der eigenen Kultur und Tradition fest verwurzelt ist, dagegen gefeit ist, von fremden ausgerissen oder fortgespült zu werden; vor allem aber die, die am meisten auf der Hand liegt: dass ethnisch und religiös homogene Gesellschaften prinzipiell konfliktärmer sind als ethnisch und religiös heterogene und dass sich krampfhafte Integrationsbemühungen erübrigen, wo es keine kulturfremden Elemente zu integrieren gibt.

    Immerhin waren die Macher von »Macht euch keine Sorgen« aber ehrlich genug, um zuzugeben: Es gibt sehr wohl Grund zur Sorge. Zu der Sorge, dass man den radikalen Islam so schnell nicht wieder los wird, wie man ihn sich eingeschleppt hat. Jakob hat seinen Vater nämlich angelogen und betet doch noch. Zu Allah, versteht sich.

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