Das Wetter als Waffe

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Ein 20 Jahre alter Forschungsbericht der US-Luftwaffe schwärmt von den militärischen Anwendungen manipulierten Wetters. Wie der griechische Gott Zeus, wollen Militärs mittels aus Nanopartikeln bestehender Wolken zielgerichtet Blitze auf den Feind abschießen.

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_von Max Z. Kowalsky

Das Wetter zu beeinflussen, ist heute gang und gäbe. Um der Welt wolkenfreie Spiele zu präsentieren, gab China während der Sommerolympiade 2008 tonnenweise chemische Reaktionsmittel in den Himmel, um sich anbahnende Wolken in sicherer Distanz zum Austragungsort ausregnen zu lassen. Damit keine Kreml-Parade mehr ins Wasser fällt, schwört Wladimir Putin auf einen Wolkencocktail aus Silberjodid, flüssigem Stickstoff und getrocknetem Eis. Auch in vielen dürregeplagten Staaten der USA wird – teils mit unbemannten Drohnen – das Wetter manipuliert. Thailand unterhält sogar eine Dienststelle für „Regenmachen und Landwirtschaftliche Luftfahrt“. Logisch, dass sich Militärs brennend für die Möglichkeiten der Wetterbeherrschung interessieren.
Wie der Militärjournalist Matthew Gault berichtet, versuchte das Pentagon zwischen 1966 und 1972, die Monsunsaison in Vietnam zu verlängern, um die Versorgungslinien des Vietcongs unter Schlammlawinen zu begraben. Bis heute ist unklar, ob „Projekt Popeye“ funktionierte oder nicht. Aus Angst vor Missbrauch riefen die Vereinten Nationen 1976 zum Bann des Gebrauchs der Technologie zu feindseligen Zwecken auf. Zahlreiche Länder, darunter auch die USA, Russland und China, gehören zu den Unterzeichnern des Abkommens. Die Forschungen laufen indes weiter.

1996 gab der damalige Stabschef der US-Air Force, Ronald Fogleman, ein Weißbuch in Auftrag, das Theorie und Praxis der Wettermodifikation erörtert. “Weather as a Force Multiplier: Owning the Weather by 2025” (zu Deutsch: Wetter als Multiplikator der Macht: Im Jahr 2025 das Wetter besitzen) ist ein ebenso unheimliches wie vorausschauendes Dokument. “In diesem Bericht zeigen wir, dass eine geeignete Anwendung von Wettermodifikation auf dem Schlachtfeld zu einem Grade Dominanz bewirken kann, den wir uns nie zuvor vorgestellt haben“, schreiben die Autoren fasziniert. Der Einsatz sei ein „mit hohem Risiko und hoher Belohnung versehenes Unterfangen, das ein Dilemma mit sich bringt, ähnlich dem der Spaltung des Atoms“. Doch „während manche Gesellschaftsbereiche der Untersuchung kontroverser Themen wie der Wettermodifikation immer abgeneigt gegenüber stehen werden“, glauben die Verfasser, würden die „gewaltigen militärischen Möglichkeiten, die sich aus diesem Feld ergeben, auf unsere eigene Gefahr hin ignoriert“.

Die Militärforscher zeichnen eine Welt, in der gigantische, hochleistungsfähige Überwachungssysteme das Wetter verfolgen und kartografieren, Mikrowellen wiederum Nebel auf dem Schlachtfeld erzeugen, zur Waffe gemachte Stürme sich gezielt über Feindesgebiet entladen können und die Ionosphäre gestört wird, um die Kommunikation des Gegners zu manipulieren. Ein Schlüssel zur absoluten Wetterwaffe sei die Nanotechnologie. „Eine oder mehrere Wolken aus mikroskopischen Computerpartikeln, die alle miteinander sowie mit einem Kontrollsystem kommunizieren, könnten ungeheure Möglichkeiten bieten“, schwärmen die Autoren. „Miteinander verbunden, in der Atmosphäre treibend und in der Lage, sich in drei Dimensionen zu navigieren, könnten solche Wolken designt werden, um eine Bandbreite an Fähigkeiten zu besitzen.“ Der Hauptpreis wäre, zeitlich abgepasst, zielgerichtet Blitze produzieren zu können. „Selbst wenn die erreichbare Energieleistung für eine effektive Blitzwaffe nicht genüge, könnte das Potential für psychologische Operationen in vielen Situationen fantastisch sein.“ Die Autoren beziehen sich wohl auf den an anderer Stelle zitierten General Dwight D. Eisenhower, der einmal gesagt haben soll, die Nazis benötigten zur Verteidigung der Normandie nichts als anhaltend schlechtes Wetter.

In der US-Militärforschungsbehörde DARPA wird eifrig daran gearbeitet, die Natur mittels Nanotechnologie kopieren zu können. „Im Grunde sind Pflanzen und Tiere Systeme, die aus auf atomarer und molekularer Ebene zusammengestellten Komponenten bestehen, die eine Million bis eine Milliarde Mal kleiner sind als der ganze Organismus“, erläutert Programmmanager Dr. John Main das 2015 gestartete „Atoms to Products“-Projekt. „Wir versuchen, die Grundlage für die Entwicklung zukünftiger Materialien und Geräte zu schaffen.“

Werden Drohnen in Zukunft Nanopartikel in die Atmosphäre schütten, um tödliche Roboterwolken herzustellen? „Solche Nanotechnologie ist noch Jahre entfernt und es ist unwahrscheinlich, dass die Air Force eine roboterartige Todeswolke vor dem Jahr 2025 ins Feld führt“, glaubt Gault. „Aber das heißt nicht, dass die Technologie nicht kommt – und dass andere Länder nicht auch darüber nachdenken, wie man das Wetter zu einer Waffe machen kann.“ Es gäbe einen Grund dafür, dass zivile Wettermanipulation für gewöhnlich vom Militär übernommen wird. „Falls das UNO-Abkommen jemals in die Binsen geht, könnten wir unsere zukünftigen Kriege mit Nebel und Blitzen genauso wie mit Waffen und Bomben kämpfen.“

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Über den Autor

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Max Z. Kowalsky, Jahrgang 1979, bestreitet sein Dasein als Privatdozent im schönen Genf. Seit 2015 schreibt der studierte Slavist für COMPACT.

 

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