Das Netzwerk des Predigers Fethullah Gülen

6

Der türkische Staatschef Erdogan hält den – in der USA lebenden – Prediger Fethullah Gülen für den entscheidenden Impulsgeber des missglückten Putsches, verlangt dessen Auslieferung. COMPACT veröffentlichte bereits im Dezember 2014 einen ausführlichen Artikel über Gülen, der nichts an Aktualität verloren hat. Es folgen Auszüge aus dem Artikel, den Sie in COMPACT 12/2014 ungekürzt lesen können – hier bestellen

Undurchsichtige Netzwerke, ominöse Geldgeber und religiöses Sendungsbewusstsein: Der Prediger Gülen hat nicht nur in der Türkei, sondern auch in der Bundesrepublik ein Beeinflussungsimperium aus Medien, Schulen und Politikern aufgebaut.

_von Ali Özkök

Bis vor wenigen Jahren hätte noch kaum einer in Deutschland mit dem Namen Fethullah Gülen etwas anfangen können. Mittlerweile ist die nach ihm benannte Hizmet-Bewegung aber zum Gegenstand dutzender parlamentarischer Anfragen und Medienberichte geworden. Ausgewogene Berichte oder Analysen zur Gülen-Bewegung gibt es kaum. Für die einen ist der 73-Jährige ein zweiter Gandhi, der mit seinen Ideen den Aufstieg der zuvor unterdrückten, frommen Mehrheit der sogenannten Schwarztürken und damit den Beginn eines anatolischen Kapitalismus eingeleitet hat, und dessen dialogorientierte Islaminterpretation eine Synthese zwischen der westlichen Moderne und dem traditionellen Islam schaffen kann.

Für die anderen ist er der Kopf einer Sekte, die Staatsapparate unterwandern will, Jugendliche ideologisch indoktriniert. Vor allem seit er 1999 in die USA übersiedelte, so die Kritiker, stecke er mit der CIA und dem Mossad unter einer Decke und betreibe wahlweise entweder die weltweite Einführung der Scharia durch Einsickern ins gesellschaftliche Leben oder die Auflösung des Islam in einer christlich-säkularen Welteinheitsreligion.

In der Türkei erhielt Gülen, der im Umfeld der religiös-reformerischen Nurculuk-Bewegung aufgewachsen war, ab 1959 eine Prediger-Lizenz des staatlichen Religionsamtes Diyanet. Die sehr emotional vorgetragenen Kundgebungen des „weinenden Imams“, oft auf Straßen und Gassen, später auch in Vorträgen und Symposien abseits der Moscheen, fanden großen Anklang und so konnte sich Gülen bereits früh eine ansehnliche Anhängergemeinde aufbauen.

Die Gülen-Bewegung, deren Gedankengut bis zu 15 Prozent der Bevölkerung in der Türkei nahe stehen, galt lange als politischer Verbündeter der 2002 an die Regierung gekommenen AKP unter Recep Tayyip Erdogan. 2013 kam es jedoch zum Bruch, nachdem der Premier die – aus seiner Sicht für die einfache Bevölkerung zu teuren – privaten Bildungseinrichtungen, die sogenannten Dershanes, zwangsweise ins staatliche Schulsystem integrieren wollte.
Die Gülen-nahen Medien agitierten daraufhin massiv gegen den Regierungschef. Aus dem Staatsapparat heraus wurden ihnen Bänder mit illegal angefertigten Aufnahmen, die Regierungsmitglieder kompromittieren sollten, zugespielt. Als im Dezember 2013 Korruptionsermittlungen der Justiz im Umfeld der Regierung veröffentlicht wurden, erklärte Erdogan der Gülen-Bewegung faktisch den Krieg.

In Deutschland ist der Prediger unter den Einwanderern bereits seit den 1970er Jahren populär, damals wurden seine Kassetten noch von Hand zu Hand weitergereicht. Heute unterhält er in Deutschland etwa 50 Privatschulen und betreibt rund 300 sogenannte Lichthäuser, burschenschaftlichen Verbindungshäusern ähnliche Wohngemeinschaften für muslimische Studenten, in denen auch religiöse Abendveranstaltungen, sogenannte Sohbets, stattfinden. Dazu kommen 15 Dialogvereine, die Kontakte zu Kirchen, Wissenschaftlern und vor allem Politikern knüpfen. Darüber hinaus unterhält Gülens Medienunternehmen World Media Group die Fernsehsender Ebru TV, Samanyolu TV und die deutsche Ausgabe der Zeitung Zaman. Diese steht auch hinter dem deutschsprachigen Nachrichtenportal Deutsch-Türkisches Journal (DTJ).

**** Patrioten aller Länder, vereinigt Euch! Jetzt zur COMPACT Europa-Konferenz am 29.10. in Köln anmelden. Und wer vorher COMPACT abonniert (oder schon abonniert hat), spart am Ticketpreis bis zu 60 Euro! ****

(…)

Mit der Bank Asya verfügt die Hizmet-Bewegung über ein eigenes Finanzinstitut. Auch ein mit ihr verbundenes Versicherungsunternehmen mit dem Namen Isik Sigorta kann sie ihr eigen nennen. Zeitungen wie Zaman oder Bugün erreichen hohe Auflagen, und die zahlreichen Abonnentenverluste auf Grund der Erdogan-kritischen Berichterstattung der letzten Monate wurden oft dadurch aufgefangen, dass die überzeugten Gülen-Anhänger gleich mehrfach bestellten.

Kritiker der Gülen-Bewegung halten jedoch auch Geldquellen aus dem Ausland nicht für ausgeschlossen und nennen in diesem Zusammenhang nicht zuletzt die CIA. Diese soll Gülen und seine Lehren in der Türkei schon in den 1980er Jahren gezielt gefördert haben, da dieser zum einen strikter Antikommunist und zum anderen im Unterschied zu Milli Görüs und anderen islamischen Bewegungen des Landes stärker prowestlich ausgerichtet war. Vor allem aber soll der rapide Ausbau des Netzes türkischer Privatschulen in Zentralasien nach dem Ende der Sowjetunion auch auf Hilfe aus den USA zurückzuführen sein.

(…)

Das Gesicht der Gülen-Bewegung in der Bundesrepublik ist der 1980 in Schwerte geborene Stadtplaner Ercan Karakoyun, der nun die Stiftung Dialog und Bildung leitet. Diese wurde als einheitliche Ansprechpartnerin für die Gülen-Bewegung in Deutschland gegründet, nachdem der Bewegung Intransparenz hinsichtlich ihrer Strukturen vorgeworfen worden war.Neben türkischen Einwanderern, die ihre Kinder gerne in frommer Umgebung und unter angemessenem Lern- und Erfolgsdruck beschult sehen möchten, gibt es auch in der deutschen Bevölkerung Sympathisanten und Partner der Gülen-Bewegung, vor allem in den Medien und im vorpolitischen Raum. Und die meisten davon sind nicht einmal Muslime. Zu den deutschen Unterstützern in der Publizistik gehört etwa der langjährige Türkeikorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Rainer Hermann. Dieser zählt offenbar zu den seltenen Journalisten weltweit, die direkten Zutritt zu Fethullah Gülen selbst bekommen. Auf einem Vortrag vor Anhängern des Gülen-Netzwerkes in Frankfurt am Main äußerte Hermann, die Begegnung mit dem Prediger sei „der Höhepunkt seiner Karriere“ gewesen.

Ein weiterer prominenter Deutscher, der ein enges Naheverhältnis zur Gülen-Bewegung pflegt, ist der Historiker und frühere Redenschreiber von Altkanzler Helmut Schmidt, Jochen Thies. Mit seinem 2003 veröffentlichten Buch „Wir sind Teil dieser Gesellschaft. Einblicke in die Bildungsinitiativen der Gülen-Bewegung“ demonstrierte er seine Kenntnisse der Hizmet-Gemeinschaft. In seiner Kolumne im Deutsch-Türkischen Journal schwadroniert Thies vom „Schwelbrand, den die Russen in der Ukraine gelegt haben“ und plädiert vor diesem Hintergrund für die „Vereinigten Staaten von Europa“. Allerdings wäre es nicht fair, die Gülen-Bewegung in Deutschland und ihre Medien deshalb als verlängerten Arm der westlichen Medienpropaganda gegen Putin anzusehen. Im Gegenteil: Gerade das DTJ war eines der wenigen tagesaktuellen Medien in Deutschland, die in der Ukrainekrise überwiegend russlandfreundlich berichteten. Darüber hinaus lobte das DTJ Wladimir Putin für seine Unterstützung der muslimischen Gemeinschaften in der Russischen Föderation.

**** Patrioten aller Länder, vereinigt Euch! Jetzt zur COMPACT Europa-Konferenz am 29.10. in Köln anmelden. Und wer vorher COMPACT abonniert (oder schon abonniert hat), spart am Ticketpreis bis zu 60 Euro! ****

(…)

Im deutschen Mainstream zeichnet sich unterdessen ein gewisser Wandel bei der Bewertung der Gülen-Bewegung ab. Früher war eine einheitliche Querfront von Bedenkenträgern versammelt, die vor deren „islamischen Fundamentalismus“ warnte, und die von der Linkspartei bis zur CDU reichte. Mittlerweile äußerte sich Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) nach dem Besuch des multikulturellen Bildungsinstituts TÜDESB in Berlin-Spandau ebenso angetan wie die Feministin Seyran Ates nach einer Visite bei der Türkischen Kulturolympiade. Die Medien berichten nun ausgewogener. Offenbar betrachtet man die eher prowestliche Gülen-Bewegung zumindest als geringeres Übel unter den mehr als zwei Millionen Deutschtürken, verglichen mit den ebenfalls gut organisierten Erdogan-Anhängern. In Deutschland hat das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg nach längeren Debatten deutlich gemacht, dass es keine Anhaltspunkte für eine verfassungsfeindliche Ausrichtung der Gülen-Bewegung gebe.

Insgesamt lässt sich sagen: Die Gülen-Bewegung ist mit Sicherheit kein verschwörerischer Geheimbund, der auf verschlungenen Pfaden die Weltherrschaft anstrebt. Auf Grund ihrer starken Finanzkraft und ihrer hochrangigen Kontakte kann sie aber auf jeden Fall politisch zu einem Faktor werden, auch in Deutschland.

* Unsr Autor Ali Özkök ist Wirtschaftspublizist für mehrere in- und ausländische Medien.

**** Patrioten aller Länder, vereinigt Euch! Jetzt zur COMPACT Europa-Konferenz am 29.10. in Köln anmelden. Und wer vorher COMPACT abonniert (oder schon abonniert hat), spart am Ticketpreis bis zu 60 Euro! ****

Info-Box

Gülen-Skandal in der SPD
„Die Leipziger SPD ist von der islamischen Gülen-Sekte unterwandert worden. So jedenfalls stellen es in schöner Einmütigkeit die Leipziger Juso-Führung, die Linkspartei, die NPD sowie die gebührenfinanzierten Sender MDR und ARD dar. (…) Der ehemalige Bundesverkehrsminister Tiefensee wird von den Linken verdächtigt, ein Gülen-Mitglied in seinem Büro zu beschäftigen und überhaupt nützlicher Idiot der Gülen-Bewegung in Leipzig zu sein. Das Klima der Verdächtigung in der SPD ist inzwischen so ausgeprägt, dass kaum jemand bereit ist, sich mit vollem Namen zitieren zu lassen.“ (Bizarre Hexenjagd im Kampf für Rot-Rot, Die Welt, 14.3.2014)

Über den Autor

Avatar

COMPACT veröffentlicht regelmäßig Beiträge von namenhaften Autoren aus allen wichtigen Positionen des politischen und gesellschaftlichen Diskurses.

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel