«Charlie Hebdo»: Ein Stammesritual im Discounterland

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_von Harald Harzheim

Geschafft! Das Ritual ist vollzogen. Eine Woche hat’s gedauert. Jetzt glätten sich die emotionalen Wogen. Publizistische Satyrspiele sorgen für entspannten Ausklang. Bis zum nächsten globalisierten Stammesritual, das stets nach gleichem Schema läuft. Derart tief in der Seelenstruktur verankert, ein phylogenetisches Erbe womöglich, bedarf es keines Zeremonienmeisters, keines Regisseurs. Einmal angestoßen, läuft es ganz von selbst: Kaum geschieht ein Terroranschlag, lassen sich alle Reaktionsmuster, von Berichterstatter und Publikum, exakt vorhersagen.

So auch jetzt, beim Anschlag auf die Charlie Hebdo-Redaktion: Zuerst die Doku-Aufnahmen in TV und Internet. Aber nicht zur puren Information. Denn parallel blubbert ein Off-Kommentator. Ohne Unterbrechung, ohne Spielraum für eigenes Erleben. Mit weinerlicher Stimme, in endlosen Varianten: «Wie schrecklich!», «Wie furchtbar!», „Ein Anschlag auf uns alle, auf unsere Freiheit…Auf die ganze westliche Welt“, und so weiter. Immer wieder. Unterbrochen nur durch Hymnen aufs eigene Sender-Ethos: «Die schlimmsten Aufnahmen haben wir geschnitten» (Mann, sind wir gute Menschen!). Exakt die gleiche Einseifung wie beim 11.09. Man könnte die Kommentare beider Anschläge problemlos miteinander vertauschen: Es fiele nicht auf.

Frage: Warum dem Publikum soufflieren, was es beim Betrachten des Anschlages empfinden soll? Wozu diese Konditionierung? Warum die Bilder nicht für selbst sprechen lassen? Traut man deren Wirkung nicht? Befürchtet man, dass sie nicht ausreichend Betroffenheit auslösen? Und wieso verlangt man die überhaupt? Muss man sich schuldig fühlen, wenn man den soufflierten Betroffenheits-Pegel nicht erreicht? Und warum soll das Publikum glauben, dass der Anschlag «uns allen» galt?… Damit dringen wir in den Bereich der Anthropologie. In prähistorischer Zeit festigten Menschenopfer den Zusammenhalt einer Gemeinschaft: Ein Mitglied wurde geopfert, das Kollektiv nahm ihn identifikatorisch auf. Ein spiritueller Kannibalismus also. Diese Opferfunktion findet sich noch in christlicher Mythologie: die Römer töteten Christus, der aber starb (laut Anhängerschaft) für die Sünden der Menschheit. Die symbolisch-kannibalische Auf- und Annahme des Opfers findet in jedem Messritus statt, beim Essen der Oblate, dem Leib Christi. Selbst cineastische Heldenerzählung funktioniert so: der Held stirbt für einen Wert, der die Gemeinschaft umso stärker verpflichtet. Und damit bindet. Opferblut als sozialer Alleskleber. Genau das geschah nach dem Charlie Hebdo-Anschlag. Noch bevor irgendwas geklärt wurde – selbst heute ist kaum etwas geklärt – herrschte mediale Einigkeit: Die Ermordeten starben für die Freiheit. Für unsere Freiheit. Jetzt brauchten Kommentatoren nur noch Emotionen zu soufflieren. Schon konnte der Identifikationsprozess losrollen. Schon waren die Toten vereinnahmt. Die medialen Kommentare waren Zubereitung der Opfer für mentalen Kannibalismus.

Und das funktionierte: Ich bin Charlie! Du bist Charlie! Wir alle sind Charlie! – so hörte man aus allen Ecken. Identifikation pur. Auch bei Feiglingen, Kriechern und Opportunisten, die selbst nichts für ihre Freiheit riskieren. Auffallend: Dieser Identifikation wurde zwar bei Charlie Hebdo-Opfern verlangt, kaum aber bei den Opfern im Pariser Supermarkt. Und schon gar nicht bei den Opfern der Stadt Baga, die an gleichen Tagen von der Terrormiliz Boko Haram ermordet wurden. Bis zu 2.000 Tote werden vermutet. Die schafften es nur in die Randspalten der Berichterstattung. Niemand geht für sie auf die Straße. Warum nicht? Weil die Opfer im Pariser Supermarkt und die ermordeten Nigerianer von den Tätern willkürlich gewählt wurden. Sie hatten in keiner Weise provoziert. Der Widersinn ihrer Ermordung ist allzu deutlich. Da bleibt nur Demoralisierung. Aber aus dem Tod der Charlie Hebdo-Redakteure, daraus ließ sich narzisstischer Honig saugen: Sie starben, weil sie unsere Werte vertraten. Wenn wir jetzt nicht alle – Reiche und Sozialhilfe-Empfänger – schön  zusammenhalten, war ihr Tod «umsonst». Verteidigen wir die Meinungsfreiheit im Discounterland. Sie ist übrigens das letzte, was uns blieb.

Wenige Tage darauf kam es zur Gegenbewegung. Die erklärte das Opfer für «unwert»: Charlie Hebdo sei kein Symbol der Meinungsfreiheit, sondern habe nur gegen Minderheiten, gegen Schwächere gehetzt. Das Problem: jene Blogger hatten selbst nie eine Ausgabe des Magazins gelesen. Aber das können sie jetzt, dem Stern-Magazin sei Dank, nachholen: Das verlost nämlich 500 Exemplare des aktuellen Charlie Hebdo-Ausgabe… Wichtiger aber ist die Feststellung: auch die Gegner blieben innerhalb der Menschenopfer-Struktur. Nur hielten sie das gewählte Opfer für unwürdig.

Über den Autor

Harald Harzheim

Harald Harzheim ist der Mad Max der Filmtheorie. Sein postapokalyptisches Denken beinhaltet eine große Vorliebe für Freaks, Outsider & Filmdiven. Seit 2011 textet er für COMPACT. Und seit 2015 ist er Online-Chefredakteuer von COMPACT. Alle Artikel des Autors

23 Kommentare

  1. Karl-Ernst Zutt am

    Die USA sind die Organisatoren der ständig zunehmenden
    kriegerischen Terror-Konflikte um die in diesen arabischen und afrikanischen Ländern lebenden
    Menschen zur Flucht ihrer Heimat nach Europa, ganz besonders nach Deutschland, zu veranlas-sen, damit die fast 90 Jahre alten Pläne zur Vernichtung der weißen europäischen Länder nach
    dem Muster Nord-Amerikas in Erfüllung gehen. Das war auch der Grund für die Schaffung der
    EU und die Einführung des Euro. Wenn wir nicht endlich wach werden und stolz sind, Deutsche
    zu sein, wird das einst vorbildliche und tüchtige Deutschland nur noch Geschichte sein.

  2. frank hermes / wiesbaden am

    dazu fällt mir nur ein:

    ich bin donetzk,

    ich bin slavjansk!!!

    ich bin auch afghanistan, irak, libyen, ägypten, syrien und vor allem palästina.

    wenn das pressefreiheit sein soll, diese hetze gegen den islam, wieso darf man das mit anderen religionen nicht tun?

    ist das schlicht „politisch korrekter“, weil agenda der westlichen imperialisten?

    denen müsste man schuhe ohne ende an den kopp knallen!!!

      • Andreas Walter am

        Ist der von dir? Und wenn soll ich bitte nennen, wenn ich ihn zitier. Aue?

      • Andreas Walter am

        Ach, verfluchter Fehlerteufel. Natürlich wen, mit einem n, und nicht wenn.

      • Lieber Walter,
        ich habe es bei Voltaire entlehnt:

        „Wenn Du wissen willst, wer Dich regiert, dann denke nach, wen Du nicht kritisieren darfst.“

    • Wenn gehörige Teile einer Religion, hier der Islam, äußerst feindlich und brutal den Menschen der westlichen Gemeinschaften gegenübertreten, dann ist es keiner ´agenda´der westlichen Imperialisten geschuldet, dass diese Religion in Verruf gerät und zutiefst abgelehnt wird, sondern dieses Verhalten.

      Im Übrigen gibt es wesentlich mehr diffamierende Äußerungen und Darstellungen über das Christentum, als offenbar bewußt wahrgenommen wird. Mir scheint, der Grund einer mangelnden Wahrnehmung ist die Selbstverständlichkeit, mit der dies hingenommen wird.

  3. Olafur Hirnrissigsson am

    „..die Römer töteten Christus…“
    aber zumindestens recht unwillig, oder?
    Mal im Johannes-Evangelium nachlesen.

    • Judäa, Jerusalem, Bethlehem, Galiläa, die gesamte Mittelmeerküste und noch viel mehr hat zu Lebzeiten Jesu zum Römischen Reich gehört.
      Jedes Jahr zu Weihnachten beim Krippenspiel in der Kirche wird gesagt, es war als König Herodes (römischer Statthalter in Judäa) regierte unter Kaiser Augustus in Rom.
      Die Juden hatten die Nachricht erhalten, dass ihnen ein neuer König geboren wird. Deshalb fürchtete Herodes um seine Macht. Er lies deshalb nach Jesu Geburt alle neu geborenen Knaben bis zu einem Alter von zwei Jahren umbringen. Joseph und Maria gelang es mit ihrem Kind nach Ägypten zu fliehen. Nur so konnte Jesus überleben. Er kam erst als Erwachsener nach Galiläa und Judäa zurück.
      Zu dieser Zeit regierte ein anderer Römer, der auch Herodes, hieß in Judäa. Der Kaiser in Rom war immer noch Augustus. Da Jesus die Juden, mit seinen Worten, aus der Knechtschaft Roms befreien wollte wurde er, auf Befehl von Herodes, gekreuzigt.

    • Die Römer töteten Christus nicht unwillig, sondern gleichgültig. Sie hätten auch Barabbas getötet, entscheidend war die Aufrechterhaltung der Pax Romana.

      • Christus heißt übersetzt Heilbringer oder Heiland.
        Jesus ist sein Name. Also,
        Jesus Christus = Jesus der Heilbringer.
        Seine Ermordung war böswillige Absicht und nicht gleichgültig.

      • @ Theo

        Begründen Sie sachlich die vermeintliche Böswilligkeit der Römer; ausschließlich theologische Herleitungen reichen nicht, es braucht zumindest eine gewisse Plausibilität.

      • Waldgänger
        Sind sie ein gefühlloser Mensch und merken nicht, dass eine Kreuzigung immer böswillig und an Grausamkeit kaum zu überbieten ist? Wie kann man einen Menschen gleichgültig annageln? Es ist immer Absicht.

      • Versuchen Sie bitte nicht, Ihre fehlenden Argumente durch Verlagerung zu kompensieren.

  4. Der Artikel beginnt gut und analysiert dankenswertereise sehr richtig, die nicht mehr zu ertragende Heulstimmenpropaganda der Nachrichtensprecher auf allen Sendern, driftet dann aber leider in’s extremglobalistische ab: wieso nur können uns Tote in Afrika weniger wichtig sein, als wenn es in Europa rund geht?
    Hier hat die Gehirnwäsche bereits volle Wirkung entfaltet, denn was geht uns Afrika an, wenn sich die Polizei nicht mehr in deutsche Städte wagt oder deutsche Richter vor Ausländerclans einkicken?

    Während die deutschen Städte immer weniger mit DEUTSCHEN Städten zu tun haben und rasant zu zweiter und sogar dritter Weltzivilisation herabsinken, sorgt sich der Autor, daß noch immer ZU WENIG Globalismusgehirnwäsche betrieben wurde? Offensichtlich ist mancher erst dann zufrieden, wenn zwischen den Vorgängen in der Heimat und ANGEBLICH irgendwo in der Welt, kein Unterschied mehr gemacht wird!

    Wiesehr genau das aber das Ziel der Globalisierer ist, das scheint nicht erkannt worden zu sein.

    Wir brauchen, im Gegensatz zu dem Import aller Konflikte aus aller Welt dank Multikultur, eine Widerbelebung der nationalen Solidarität, denn eine internationale Solidarität hat es nie gegeben und wird es nie geben, denn Solidarität setzt Identifikation voraus. Wer sich aber mit irgendwelchen Fremden in anderen Ländern genauso solidarisch fühlt wie mit den deutschen Landsleuten, der ist in Wahrheit mit überhaupt niemandem solidarisch. Und genau das ist der Kern des Tricks, mit der Lüge von „internationaler Solidarität“.

    Und wenn irgendwelche Intellektuellen und Akademiker das nicht verstehen wollen, weil sie ihr Leben lang nur in einem goldenen Käfig gelebt haben und die zivilisierten Umgangsformen gebildeter Menschen weltweit mit der NORMALEN REALITÄT verwechseln, ja gar keinen blassen Schimmer davon haben, welche WELTEN zwischen einem türkischen und einem deutschen Stimmtischpublikum in der Mentalität liegen, und diese NIEMALS harmonieren können, dann sind sie nicht besonders klug, sondern schicht und ergreifend abgehoben, borniert, dumm. Schlicht weltfremd.

    Und Weltfremdheit ist es, welche den NEOFEUDALISMUS so wie den alten Feudalismus auszeichnet. Eine dem Tode geweihte Welt, eine Oberschichte die nicht versteht, wieso und was da unten vor sich geht, die sich in schlauen Sprüchen und pseudoklugen Analysen gefällt, anstatt nur ein einziges mal eine Schaufel in die Hand zu nehmen und auf einer Baustelle zu arbeiten, oder in einer kulturell maximal „bereicherten“ Schule zu arbeiten.

    Wieso nur wird die Boko-Haram-Sau nicht auch so durch’s mediale Dorf getrieben wie Charlie Hebdo?
    Vielleicht sollte man sich eher fragen, wieso die Selbstverbrennung eines Priesters in Deutschland als Zeichen gegen die Vernichtung des deutschen Volkes durch Masseneinwanderung keinen Niederschlag findet, oder wieso das Tottreten von deutschen Pensionisten durch Kulturbereicherer keinen Artikel wert ist, oder die Massenvergewaltigung blonder Frauen durch Afrikaner, den Frauenrechtlerinnen sch..ßegal ist?
    Oh, Boko Haram ist nicht auf der Titelseite!

  5. HAUPTWALDWEBEL am

    Hat sich nach den rituellen Charlie Hebdo Aufmärschen was verändert?
    .
    Herrscht jetzt endlich Meinungsfreiheit, zumindestens für Künstler?
    .
    Wird Dieudonné M’bala M’bala jetzt nicht mehr in Frankreich verfolgt und darf ungehindert überall auftreten?
    .
    Darf man jetzt um zu zeigen was man vom System hält die Quenelle zeigen?
    .
    Oder hab ich einfach nur wieder einmal nix kapiert?

  6. Ein sehr scharfsinniger Kommentar, der mir eine rationale Erklärung für mein gefühltes Unbehagen bei der Hype „Je suis Charlie“ liefert. Dieses letzere Presseprodukt hat mich übrigens nie zum Lesen animiert, ich kenne es nicht und werde es wohl auch nicht kennenlernen.

  7. ENYA, WIR WOLLN ENYA BEI JEDEM TERRORANSCHLAG HÖREN & FÜHLEN

    Who can say where the road goes,
    Where the day flows?
    Only time…
    And who can say if your love grows,
    As your heart chose?
    Only time…
    (chants)
    Who can say why your heart sighs,
    As your love flies?
    Only time…
    And who can say why your heart cries,
    When your love dies?
    Only time…
    (chants)
    Who can say when the roads meet,
    That love might be,
    In your heart.
    And who can say when the day sleeps,
    The moon still keeps on moving
    If the night keeps all your heart?
    Night keeps all your heart…
    (extended chants)
    Who can say if your love grows,
    As your heart chose?
    Only time…
    And who can say where the road goes,
    Where the day flows?
    Only time…
    Who knows?
    Only time…
    Who knows?
    Only time…

  8. Sehr schön beschrieben!
    Laut Youtube sollen sich zwei Steinmetzmeister diesen Pro-Charlie/Anti-Charlie-Kulturkampf in einem Anfall von Langeweile um 1870 ausgedacht haben, um das Ritual am Leben zu halten:
    http://www.youtube.com/watch?v=hTaKpfqtyzA
    Dieses Reaktionsmuster geben ihre Zünfte von Generation zu Genaration weiter.
    Wer schon mal Handwerker im Haus hatte, kennt das alte Spiel. Erst heißt es pathetisch:
    „Wir sind Handwerker. Wir können das!“
    Dann das totale Chaos unter Staub und Dreck. Der Letzte macht das Licht aus:
    http://www.youtube.com/watch?v=8-W5RRTzEP8
    Schlußakt – die Rechnung wird präsentiert:
    „Wir sind die Macht von nebenan!“
    Luzifer läßt grüßen.

  9. Na ,da hat der Herr Edouard de Rothschild ja Glück , das er den Laden im Dezember gekauft hat.Mit so einem Umsatzplus hatte er bestimmt nicht gerechnet. /ironie off

      • Robert Beltz am

        Was sind sie nur für ein Bürokrat. Ja, es gibt Belege, recherchiert von wahrhaftigen Journalisten. Wenn sie interessiert sind, suchen sie danach, wenn diese Informationskanäle nicht in ihrem Tagesprogramm enthalten sein sollten. Gibt es Belege dafür, dass die beiden erschossenen Brüder die Massaker in Paris persönlich begangen haben? Gibt es einen einzigen Beleg dafür, dass der ermittelnde Polizeikommissar durch Selbsttötung aus dem Leben geschieden ist? Die Welt verändert sich um Sie herum und Sie fragen, wer zeigt mir die Belege?

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