Casablanca oder: die zweite Chance

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Heute vor 75 Jahren trafen sich Roosevelt, Churchill und weitere Westalliierte in der marokkanischen Stadt Casablanca, um Kriegsstrategien gegen Deutschland und Japan zu entwickeln. Kurz darauf startete der zwei Monate zuvor gefloppte Film Casablanca zum zweiten Mal in den US-Kinos – und wurde zum Kassenknaller. In Deutschland startete der Film mit neun Jahren Verspätung – und in einer entnazifizierten Fassung.

Casablanca ist ein Film über die zweite Chance – dort, wo man im Leben meist nur eine erhält: in der Liebe. Rick Blain (Humphrey Bogart) und Ilsa Lund (Ingrid Bergmann) lernen sich in Paris kennen. Eine Romanze beginnt. Als die Nazis einmarschieren, planen beide die Flucht. Aber Ilsa erscheint nicht zum vereinbarten Ort: Sie sei verhindert – lautet ihre Nachricht an den enttäuschten Rick. Der flieht via Schiff nach Casablanca. Dort warten Flüchtende zahlreicher Länder auf ein Transit-Visa, hoffen auf Weiterreise in die USA.

Rick eröffnet in der Stadt das Café Americain. Das wird zur Anlaufstelle und Treffpunkt der Geflohenen, hier verkürzt man quälende Wartezeit mit Alkohol und Spiel. „Everybody Comes to Rick’s (Jeder geht in Ricks Bar)“ heißt die Theatervorlage zum Film. Aber „Everybody“ meint in dem Film auch Ilsa…

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Plötzlich steht sie da. Ausgerechnet in Ricks Bar. Der ist wie erstarrt. Zwei Jahre hatte er versucht, sie zu vergessen, sich im Zynismus verbarrikadiert. „Play it again, Sam!“ sagt Ilsa zum Bar-Pianisten. Und der spielt ihn wieder, den Song aus der Pariser Zeit: „As Time Goes By“: „You must remember this / a kiss is just a kiss“. Ein Kuss ist nur ein Kuss. Wenn das so einfach wäre! Aber es kommt noch schlimmer: Ilsa ist nicht allein, sondern in Begleitung eines Mannes. Ihres Mannes. Des Widerstandskämpfers Victor László. Und ausgerechnet Rick soll ihm helfen. (So etwas können auch nur Frauen verlangen.)

Jeder weiß, wie das ausgeht: In Rick und seiner Ex entflammt die einstige Leidenschaft erneut. Sie wollen Casablanca per Flugzeug verlassen, Rick ist in Besitz zweier Visa, aber kurz vor Abflug verzichtet er, lässt die Tickets auf Ilsa und ihren Mann umschreiben. Begründung: In Zeiten des Krieges würden Widerstandskämpfer wie Victor László gebraucht. Das Glück dreier Menschen hingegen zähle „nichts in dieser verrückten Welt“, erklärt Rick seiner Geliebten. „Aber was wird aus uns?“- fragt Ilsa. Rick: „Wir haben immer Paris. Wir hatten es verloren, bevor du nach Casablanca kamst. Gestern Abend fanden wir es wieder.“

Ilsa hat jetzt Tränen in den Augen. Rick reagiert mit dem berühmtem Satz „Ich seh dir in die Augen, Kleines“ (Original: „Here’s looking at you, kid“). Was für ein Drama: Ein Mann findet die Frau seines Lebens, verliert sie und geht daran fast zugrunde. Endlich findet er sie wieder – aber nur, um ihr zum zweiten Mal Lebewohl sagen. – Man muss schon Humphrey Bogart heißen, um das zu überstehen und trotzdem coole Haltung zu wahren.

Casablanca ist auch ein existenzphilosophischer Film. Jeder Aufenthalt in dieser Welt ist provisorisch: Wo heute noch Sicherheit herrscht, wütet Morgen schon der Tod. Einzige Überlebenschance: Sofortige Fluchtbereitschaft zu jeder Sekunde. Das gilt nicht nur für die Charaktere, sondern galt auch für viele Darsteller des Films: In den Kulissen von Casablanca wimmelte es von Migranten, geflüchtet vor der Todesmaschinerie des NS:

Da ist der Brecht-Schauspieler Peter Lorre (als Visa-Dieb Ugarte), der einst in  Meine Stadt sucht einen Mörder (1931) das unerreichte Psychogramm eines Serienkillers schuf. Oder Conrad Veidt (als Major Strasser), der als Somnambuler Cesare in Das Cabinett des Dr. Caligari (1920) zum größten expressionistischen Schauspieler Deutschlands avancierte. Zudem der Österreicher Paul Henreid (als Victor László), der Komiker Curt Bois (als Taschendieb) sowie weitere jüdische Schauspieler, deren Verwandte teilweise in KZs ermordert wurden.

Hinzu kamen jene, die Europa nicht aus politischen Gründen, sondern um der Karriere willen verlassen hatten: Darunter die Schwedin Ingrid Bergmann (Ilsa) und der ungarische Regisseur Michael Curtiz, der unter seinem Realnamen Mihály Kertész Kaminer in Europa bereits Filme wie Alraune (1918) oder Sodom und Gomorrha (1922) inszeniert hatte. Hier, im Studio der Warner Brothers, in der der Kulisse von Ricks Bar, trafen sich Europas Migranten – Filmhandlung und Realität wurden deckungsgleich.

Für deutsche Zuschauer entnazifiziert…

Casablanca gehört neben Der Malteserfalke (1941) und Tote schlafen fest (1946) zu den drei Filmen, die den Humphrey Bogart-Kult begründeten. Dabei war er für die Rolle des Rick Blaine keineswegs erste Wahl. Vor ihm kandidierten B-Movie-Darsteller (und späterer US-Präsident) Ronald Reagan, James Cagney oder George Raft um diese Rolle. Daraus wurde zum Glück nichts.

Als Casablanca im November 1942 in New York zur Premiere kam, erwies er sich als Flop. Knapp zwei Monate später trafen sich die Alliierten in Marokkos „weißer Stadt“ zur zehntägigen Konferenz über künftige Kriegsstrategien gegen Deutschland und Japan. Casablanca war plötzlich in aller Munde. Die Produktionsfirma Warner Brothers witterte ihre Chance, startete den Film erneut und landete diesmal einen Hit, der zur cineastischen Legende wurde. Wie Rick und Ilsa erhielt auch der Film eine zweite Chance. In diesem Falle führte sie zum Happy End.

Casablanca kam 1952, mit neunjähriger Verzögerung, in die deutschen Kinos. Allerdings in einer Fassung, aus man der jeden NS-Bezug (insgesamt 25 min.) rausgeschnitten hatte. Die Synchronisation des verbliebenen Material tat ein Weiteres, um den Inhalt zu verfälschen: Victor László ist darin kein Widerstandskämpfer mehr, sondern ein norwegischer Atomforscher, der seltsame Deltastrahlen entdeckt hatte, weswegen er von Interpol gejagt wird. Erst 1975 strahlte die ARD eine inhaltlich richtige Synchronfassung von Casablanca aus.

Solch „kreative“ Bearbeitung war zu jener Zeit nicht ungewöhnlich: Aus Hitchcocks Notorious (Berüchtigt, 1947) entfernte man für die deutsche Kinoauswertung 1951 ebenfalls alle NS-Bezüge, synchronisierte Spione zu Drogenhändlern um und verpasste ihm den Titel Weißes Gift. Erst 1969 wurde eine originalgetreue Synchronisation angefertigt.

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