Born to be wild: Die Anfänge der Rockerkultur

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Heute vor 70 Jahren wurden die Hells Angels gegründet. Motorradclubs werden zumeist mit Organisierter Kriminalität in einem Atemzug genannt. Außer Frage steht, dass es im Milieu der Rocker zu schweren Straftaten gekommen ist. Ein Großteil der Betroffenen fühlt sich allerdings zu Unrecht in Mithaftung genommen und stigmatisiert.

_ von Lukas Obermayr

Es gab Zeiten, da galten Rocker selbst in besseren Kreisen als gesellschaftsfähig. In den 1980er Jahren fuhren Mitglieder des Road Eagles MC mit ihren schweren Maschinen bei einer Party der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis ein und tummelten sich am Büffet zwischen gediegenen Herren im Smoking und feinen Damen in mondänen Abendkleidern. Auch die ersten Gassenhauer der Spider Murphy Gang («Skandal im Sperrbezirk») entstanden im Umfeld der harten Jungs, hatte sich die Band doch ihren Proberaum im Clubhaus der Motorradvereinigung angemietet. Der Gründer und damalige Präsident der Road Eagles, der heute den Bandidos angehört, bewachte seinerzeit nicht nur das Filmset der Bavaria-Studios, sondern stand für manche Szene sogar als Komparse vor der Kamera.

Es war der Nimbus von Freiheit und Abenteuer, der die Kuttenträger damals umwehte. Die Rockerwelle war aus Amerika herübergeschwappt – die einen wollten so ihre Freiheit leben, andere ihre Zusammengehörigkeit zum Ausdruck bringen und manche auch beides. In den USA nahm die Entwicklung sehr früh ihren Lauf, doch auch in Westdeutschland ging es schon in den 1960ern los: Es entstand eine Szene, in der individuelle Freebiker und lose organisierte Motorradfreunde, aber zunehmend auch Leute in institutionalisierten Vereinen den Fahrtwind im Gesicht genossen. Den Grundstein für das Rockermilieu legten dabei in Deutschland stationierte amerikanische Soldaten, zum Beispiel im Falle des Iron Horses MC, der 1966 in einer kleinen Kneipe in Fürth gegründet wurde. Nicht wenige Clubs zählen Angehörige der US Army zu ihren Gründervätern, was nicht zuletzt Niederschlag in ihrer inneren Rangordnung fand. Aus den «Brothers in Arms» wurden Brüder auf Rädern.

Peter Fonda auf der Harley

Eine prägende Wirkung für die Rebellen auf zwei Rädern hatte der Film The Wild One (1953) mit Marlon Brando, vor allem aber Easy Rider (1969) mit Peter Fonda und Jack Nicholson. Das Roadmovie gilt bis heute als Inbegriff individueller Freiheit und unkonventioneller Lebensentwürfe und verkörperte für zahlreiche Biker das Gefühl von Unangepasstheit und Abenteuer. Der Soundtrack «Born to be wild» der Band Steppenwolf avancierte zu einer Art Hymne der Szene. Hauptdarsteller Peter Fonda war es auch, der Anfang der 1990er noch einmal für Filmaufnahmen auf die Harley des damaligen Münchner Road-Eagles-Präsidenten stieg. Diese wurde von den Bavaria-Filmstudios für 40.000 D-Mark versichert, was aus Sicht des Eigentümers wegen der zweifelhaften Fahrkünste des US-Schauspielers durchaus angemessen war.

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Viele bekanntere Clubs, die teilweise noch heute in der deutschen Rockerlandschaft vertreten sind, wurden in Folge des Kultstreifens Easy Rider gegründet – der Cavemen MC sogar schon im Jahr des Kinostarts 1969. 1972 wurde in Mannheim der Gremium MC ins Leben gerufen, ein Jahr später folgte der Lobo MC, hinzu kamen der Born To Be Wild und der Road Eagle MC. 1984 entstand aus einem Zusammenschluss mehrerer Clubs der Trust MC, und auch drei der sogenannten Big Four der internationalen Szene – Hells Angels, Bandidos, Outlaws und Pagans – waren schon bald mit ihren Ablegern in Deutschland vertreten. Im November 1999 schlossen sich Teile des 1968 gegründeten Bones MC den deutschen Hells Angels an, und im selben Jahr wechselten neben einigen Road Eagles und den Mitgliedern des Destroyers MC München auch der seit Ende der 1970er Jahre in Deutschland existente Ghostrider‘s MC zum Bandidos MC. Diese «gelben» Ghostrider‘s sind nicht zu verwechseln mit den 1973 gegründeten «schwarzen» Ghost-Riders. Letztere gingen 2001 im Outlaws MC auf.

Der nordische Rockerkrieg

Fragt man Rocker heute, warum sie sich eine Kutte anziehen, hört man mitunter, dass sie als bewusste Individualisten auf ihren Bikes gesellschaftlichen Zwängen entfliehen wollen. Doch viele MC-Members sind alles andere als Individualisten, sondern suchen ganz gezielt nach einer Gemeinschaft, die im Grunde nach den Regeln männerbündlerischer Prinzipien funktioniert, wie sie schon seit Jahrhunderten existieren. Ungeachtet vieler karitativer Veranstaltungen der Motorradfreunde, über die in den Medien kaum berichtet wird, sind Rocker aber natürlich keine Pfadfindervereinigung und hatten in ihren Reihen immer auch Zeitgenossen, die in kriminellen Zusammenhängen auftauchten und Streitigkeiten untereinander handfest austrugen, in manchen Fällen auch unter Einsatz von Waffen. Dies darf keinesfalls verharmlost werden, allerdings fällt auf, dass bei Rockern nie von «Einzelfällen» die Rede ist, sondern sie unter Pauschalverdacht gestellt werden.

Spätestens seit der sogenannten Operation Monitor (siehe Infobox Seite 44) hat sich das Bild über Rocker in der Öffentlichkeit stark gewandelt. Der damalige Chef des dänischen Geheimdienstes absolvierte Mitte der 1990er Jahre in den USA einen Lehrgang beim amerikanischen FBI zur Bekämpfung von Motorradclubs und äußerte nach seiner Rückkehr gegenüber der Presse: «Wir müssen die Medien auf jede nur mögliche Art nutzen, um ihnen [den Rockern]das legale [sic!] Geschäft, wenn immer möglich, zu zerstören. Die einzige Zeit, in der die US-Behörden Erfolg hatten, diese Motorradclubs zu zerstören, war, als sie miteinander im Krieg waren.»

Mithilfe eines schwerstkriminellen V-Mannes und polizeitaktischer Maßnahmen beziehungsweise Untätigkeiten ließ man damals in Dänemark einen Konflikt zwischen den Hells Angels und den Bandidos eskalieren, woraufhin ein Gesetz verabschiedet wurde, das der Polizei erweiterte und tief in die Bürgerrechte einschneidende Befugnisse ermöglichte. Vier Journalisten der Zeitung Ekstra Bladet und des Senders TV2 recherchierten den Fall des «großen nordischen Rockerkrieges», wie es in den Medien hieß, und deckten am Ende den größten Polizei- und Justizskandal der dänischen Geschichte auf.

Mitinitiator der Operation Monitor war Jürgen Storbeck vom Bundeskriminalamt (BKA), der 1992 nach Den Haag ging, um Europol aufzubauen und erster Direktor der europäischen Polizeibehörde wurde. Unter ihm wurde dort ein spezielles Datenbanksystem aus sogenannten Arbeitsdateien zu Analysezwecken entwickelt. Dabei handelt es sich um Dateien zu bestimmten Kriminalitätsgebieten oder Personengruppen, zu dem Europol den EU-Mitgliedstaaten oder auch assoziierten Drittstaaten eine operative Unterstützung bieten will. Sie enthalten persönliche Angaben, Fakten sowie Recherche- und Analyseergebnisse. Sie sind das einzige legale Werkzeug dieser Art auf EU-Ebene.

Gezielte Kriminalisierung?

Auf der Herbsttagung des BKA im Oktober 2010, kurz nachdem das erste deutsche Strategiepapier zum Umgang mit Rockergruppierungen fertiggestellt worden war, forderte der damalige Hamburger Innensenator Heino Vahldieck (CDU) Medienvertreter angeblich nicht nur dazu auf, Rocker in ihrer Berichterstattung fortan als Schwerverbrecher darzustellen, sondern plädierte auch für die Einführung der Vorratsdatenspeicherung, der «Überwachung der kryptischen Kommunikation» sowie die Umkehr der Beweislast im Falle von Motorradclubs. In dem Papier ist explizit von einer «konsequenten» und «proaktiven» Medienarbeit die Rede. Der Berliner Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra deutete zudem in der Vereinszeitschrift des Bundes Deutscher Kriminalbeamter an, MC-Mitglieder durch ständige Kontrollen schikanieren zu wollen, um Verurteilungen wegen Beleidigung oder Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu provozieren. Wörtlich erklärte Kamstra laut einem Bericht von Stern Online von 2014: «Ständige Kontrollen werden – wie durchaus beabsichtigt – als Schikane empfunden.»

Doch bedarf es im Falle der Rocker überhaupt einer staatlich organisierten «Beschaffungskriminalität»? Nicht unbeachtet sollte eine Tatsache bleiben, die gerne unterschlagen wird: Laut den jährlichen BKA-Berichten lag in der Zeit von 2010 bis 2015 der Anteil der Verfahren im Bereich der Organisierten Kriminalität (OK), der gegen Angehörige von Clubs wie den Bandidos eingeleitet wurde, stets bei unter zwei Prozent. Und bis zum heutigen Tag wurde kein Chapter des Clubs oder auch nur ein Mitglied in Deutschland wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung verurteilt. Verbote mit OK-Bezug – und zwar wegen der Nähe von Mitgliedern zu diesem kriminellen Milieu – gab es im Falle des Bandidos MC 2010 in Neumünster (Schleswig-Holstein) und 2012 in Aachen (NRW). Selbstverständlich muss der Rechtsstaat mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Kriminalität vorgehen. Er darf dabei aber nicht übers Ziel hinausschießen – schon gar nicht mit V-Leuten.

Der Text erschien zuerst in COMPACT 02/18

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