Blutbad in der Ostukraine – und das Schweigen der deutschen Medien

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Es ist ein verschwiegenes Massaker. 300 Angehörige der pro-russischen Volkswehr sollen nach Angaben der ukrainischen Agentur UNN nahe Slawjanks und Krasny Liman im Donzeker Gebiet getötet worden sein. Opfer der sogenannten Anti-Terrormaßnahmen der Kiewer Behörden. Zwei Gefallene haben die Angreifer zu beklagen. Aus Lugansk meldet die Agentur LIGABusinessInform 50 getötete Verteidiger. Doch in deutschen Medien gibt es über die Massaker höchstens Randnotizen, knappe Sätze. Ein Verschweigen mit Kalkül? Schon beim Massaker von Odessa vor einem Monat verschwiegen insbesondere die öffentlich-rechtlichen Sender das Blutbad, COMPACT 6/2014 berichtete. Ein Auszug des Artikels:

Medien und Massaker

_von Harmut Beyerl

Am 2. Mai 2014 wurden mindestens 46, nach unbestätigten Zeugenberichten sogar mehr als 100 Menschen in Odessa getötet. Für ARD und ZDF war der größte Massenmord an Russen seit 1945 kaum der Rede wert. (…)

Im Laufe der Abendstunden tauchten immer schlimmere Bilder auf. Menschen auf Fenstersimsen, die in den Tod sprangen, erinnerten fatal an jene vom 11. September 2001. Es gab allerdings einen gravierenden Unterschied zum 11. September: Keine Brennpunkt-Sondersendungen. Keine Live-Bilder im TV. Keine Live-Schaltungen zu Reportern vor Ort. Jedenfalls in Deutschland. Für die öffentlich bezahlten Medien existierte das Drama nicht.

Debakel bei der Tagesschau

(…) Um 16:49 Uhr deutscher Zeit gibt Russia Today schon einen kompletten Überblick über das Geschehen und nennt die Zahl von 39 Toten. Drei Stunden später ist das bei der ARD noch nicht angekommen. Die 20-Uhr-Tagesschau beginnt nicht mit der Katastrophe in Odessa, von der die ganze Welt redet. Das Studio Hamburg macht mit den hinlänglich bekannten Euphemismen von der ukrainischen „Regierung“, ihrem hier „Offensive“ genannten Panzerangriff und anderseits mit Phrasen vom „selbsternannten“ Bürgermeister von Slawjansk auf. Husch-husch wird mittendrin kurz mal diffus erklärt, in Odessa habe „Gewalt übergegriffen“. Wenn man auch sonst angeblich nichts weiß, in einem ist man sich bei der ARD sicher: „Pro-russische Separatisten“ hätten „Unterstützer der Regierung in Kiew“ angegriffen. „Es soll mindestens drei Tote gegeben haben.“

Dann kommt die Live-Schaltung zur ARD-Reporterin Golineh Atai – nicht nach Odessa, sondern nach Donezk. Frau Atai gibt zu, es sei „schwer sich ein Bild zu machen, weil man sich nicht aus Donezk wegbewegen kann“. Seltsam, dass die ARD/ZDF-Journalisten nie vor Ort sein können. Wie machen das die Reporter aus den USA, Großbritannien, Russland, Frankreich? Die sind nämlich in Odessa und Slawjansk.

Phrasen statt Fakten

(…) In den Tagesthemen zwei Stunden später gibt es ganze 80 Sekunden für Odessa. Nun darf man von Chefredakteur Thomas Roth, wenn in irgendeiner Weise Russland berührt wird, nicht unbedingt Objektivität erwarten. Das zusammengekürzte Putin-Interview aus dem Jahr 2008 klebt eben immer noch wie Pech an ihm. Immerhin: „30 Menschen starben nach Auseinandersetzungen (…) Gewerkschaftshaus in Flammen aufgegangen.“ Das sind summa summarum 20 Sekunden. Ohne Opfer in brennendem Gebäude, ohne Fenstersprünge, ohne Schüsse. Dass die verbrannten Opfer pro-russische Aktivisten waren, erfahren wir nicht. Dass die Täter aus den Reihen der ukrainischen Nationalisten kamen, ebenso wenig. Die Worte „Rechter Sektor“ sollte ich den ganzen Abend nicht hören. Unglaublich.

Jetzt fragt auch Roth Frau Atai, die sich bekanntlich ein paar hundert Kilometer entfernt in Donezk aufhält: „Was wissen Sie?“ Atai: „Russen sind mit Bussen in die Stadt gekommen (…) und haben mit Waffen und Molotowcocktails die Menge angegriffen.“ Und weiter: „Gewaltbereite Fußballfans haben pro-russische Separatisten in die Enge getrieben.“ Das muss man sich vor Augen halten: In den preisgekrönten Tagesthemen sind Leute, die mit Benzinflaschen Menschen ermorden, nicht etwa „pro-faschistische Mörder“, sondern lediglich „gewaltbereite Fußballfans“. Dabei sind an dieser „Gewaltbereitschaft“ zu diesem Zeitpunkt schon Dutzende Menschen grausam verreckt. (…)

Kein Pogrom, nirgends

Am 3. Mai 2014 geht das große Totschweigen weiter. Tagesschau: „Auseinandersetzungen“, „Brandursache offenbar Molotowcocktails“, „pro-russische Aktivisten haben Demo für die Einheit der Ukraine angegriffen“, “drei Menschen wurden erschossen.“ Und jetzt kommt die Standardausrede der Mainstream-Medien, wenn sie die Wahrheit nicht berichten wollen. „Russland und Ukraine machen sich gegenseitig verantwortlich.“ Dauer 98 Sekunden. Tagesthemen, 100 Sekunden: „40 Tote kamen in einem brennenden Haus um.“ Bei heute heißt es in 24 Sekunden: „Haus in Brand geraten“, „Klitschko erschüttert“. Alles scheint irgendwie von allein „in Brand geraten“ zu sein. Das Wort „Pogrom“ fällt nie. (…)

Den vollständigen Artikel und weitere Berichte über den Krieg in der Ukraine finden Sie in COMPACT 6/2014.

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