Das neue Stadtschloss steht kurz vor der Fertigstellung. Ein Teil der Fassade wurde jetzt enthüllt – als Vorgeschmack auf künftige Freuden. Leider sind alle Argumente, die Schloss-Fans vor zwei Jahrzehnten für dessen Wiederaufbau anführten, restlos entkräftet und überholt.

    Kaum war die Wiedereroberung Ost-Berlins durch den Westen vollzogen, da brach die Schloss-Nostalgie aus. Schließlich hatte DDR-Boss Walter Ulbricht das im Krieg angekratzte Aristokraten-Denkmal sprengen und durch einen „Palast der Republik“ ersetzen lassen.

    Dieser Beton-Palast, von der Bevölkerung in Anspielung auf Erich Honecker gern als „Honis Lampenladen“ bezeichnet, hatte allerdings einen Fehler: Er war noch hässlicher als das vorherige Stadtschloss. Präzise gesagt: Er sah zum Kotzen aus! Der musste weg. Gesagt, gesprengt. Nach monatelanger Asbestbereinigung, anschließender Zwischennutzung als Kultur-Stätte, zerschlugen Abrissbirnen den kläglichen Rest.

    Parallel dazu die Debatte, was auf dem Schlossplatz stattdessen glänzen solle. Seit Beginn hatte die Vision einer wiedererrichteten Schloss-Fassade gute Karten. Schließlich zieht die Mehrheit grundsätzlich alte Bauwerke einem Neubau vor. Nicht, weil das Alte immer „schön“ war, sondern weil moderne Architektur noch seltener gelingt.

    Darüber hinaus setzten Schloss-Befürworter auf Geschichtsbewusstsein. Deren Vorzeige-Manifest war ein Artikel des Publizisten Wolf Jobst Siedler „Das Schloss lag nicht in Berlin – Berlin war das Schloss“ Darin lesen wir: Normalerweise wurden Schlösser in bereits vorhandene Städte gepflanzt. Aber in Berlin geschah das Gegenteil: Am Anfang war das Schloss. Erst später sei der Stadtkern in dessen Umfeld errichtet worden.

    Außerdem habe der barocke Umbau des Schlosses dem frisch geborenen Staat Preußen (1701) den Glanz und das Gloria verliehen und sei nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihm untergegangen. Geburt und Tod Preußens sowie der barocken Schloss-Version verliefen also synchron! Das Bauwerk platze demnach vor Bedeutung.

    Solcher Tenor passte in den damaligen Zeitgeist. Glaubte man in den frühen Neunzigern doch an die (Wieder-) Geburt von Großartigem: Ein wiedervereinigtes Deutschland, der Sieg über den Sozialismus, die Zusammenführung von Ost- und Westeuropa, womöglich gar das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama). Bei soviel Schönem konnte man sich doch ein Schlösschen in der Mitte Europas leisten.

    Im 20. Jahrhundert hatte das Schloss null Inspirationskraft

    Aber jetzt, 2018, wo die Fassade fertig steht, ist diese Stimmung verflogen. Der Neoliberalismus hat seit Gerhard Schröder zahlreiche Bürger ins materielle und seelische Elend gestürzt, eine Stress- und Angstkultur etabliert, die Europa-Idee an Banken und Konzerne verkauft, Ost- und Westdeutschland politisch wie kulturell gespalten. Was sagt da noch eine Schlossfassade, deren „Inhalt“ (das Humboldt-Forum) ein Bildungsideal vertritt, das spätestens seit der Bologna-Reform an „Markttauglichkeit“ verloren hat?

    Selbst in der Vergangenheit war die Wertschätzung des Schlosses keineswegs so einhellig, wie manche Anhänger gerne propagieren. Welche Meinung die Bevölkerung von dem dem Großbau hatte, sagt schon dessen Spitzname „Grauer Kasten“. Vor allem aber: In welchem berühmten Berlin-Roman, in welchem Film dient das Schloss als Kulisse? Auf welchem bedeutsamen Gemälde ist es zu sehen?

    Im 20. Jahrhundert waren Alexanderplatz, Kurfürstendamm, Potsdamerplatz und „roter Wedding“ die Top-Schauplätze für Autoren, Regisseure und Künstler. Da spielte die Musik. Aber das Schloss? Das passte nicht mehr in die revolutionäre Dynamik jener Zeit.

    Okay, einige Szenen des mittelmäßigen Bio-Pics Andreas Schlüter (1941) wurden dort gedreht. Das war’s. Anders als im Falle von Versailles oder Sanssouci muss man sagen: Dieser graue Kasten hat fast niemanden inspiriert. Er ließ sich nicht ins kulturelle Leben der Stadt integrieren. In ihm fand lediglich Herrschaftsgeschichte statt. Da die Restauration der Schlossfassade aber nur partiell aus Spenden finanziert wurde, bleibt die Frage: Weshalb soll das Volk ein uninspirierendes Bauwerk mit seinem Steuergeld erneut hochziehen?

    Ein Schloss für den Souverän? Dann aber für alle!

    Das Schloss war einst Winterwohnsitz Brandenburgischer Markgrafen und Kurfürsten, später von preußischen Königen und deutschen Kaisern – bis zum Ausruf der Republik, den Karl Liebknecht 1918 vor dem Schlossportal vollzog. Einige Journalisten meinten gar, die heutige Bundesregierung solle wieder hinter der neu errichteten Schlossattrappe regieren. Nichts wäre unsinniger, zumal die Regierung nicht mehr das Volk, sondern den Globalismus repräsentiert. Außerdem war dieses Bauwerk bis 1918 der Sitz des Souveräns. Als solcher galt offiziell der König oder der Kaiser. Wenn aber das Schloss der Sitz des Souveräns ist, wem steht dann in einer Volkssouveränität die Prunkbude zu?

    Richtig, dem Volk. Der französische Sozialutopist Charles Fourier hatte diese Konsequenz bereits vor 200 Jahren gezogen. Damals forderte er, die Menschen sollten, in Produktions- und Wohngemeinschaften (Phalanstère) unterteilt, in Schlössern wohnen. So stellte sich Fourier ein Phalanstère mit jeweils 1620 Einwohnern vor:

    Phalanstère
    Victor Considérant: Charles Fourier’s Phalanstère. Erste Hälfte des 19. Jahrhunderts

    Noch 1994 bezeichnete der Berliner Kultursoziologe Nicolaus Sombart, ein Anhänger Fouriers, das Schloss „als Ort der optimalen Selbstverwirklichungschance im Diesseits, der aber jedem Menschen zugänglich ist.“ Die Realität 2018 jedoch sieht so aus: Das Berliner Stadtschloss hat Unsummen verschlungen, während man viele Menschen (Bestandteile des Volks, also des Souveräns) durch horrende Mieten aus ihren Miniwohnungen an den Stadtrand vertrieb.

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