„Adam sucht Eva“: Die Insel der verlorenen Seelen

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Die RTL-Dating-Show spricht Bände über den Verfall von Intimität: Die Pornographie des Banalen reduziert Männer wie Frauen auf ihre Sexualorgane und verhindert gerade dadurch jede erotische Anziehung. Jetzt werden auch noch abgehalfterte Promis wie Ronald Schill zum Abdecker geführt.

Dieser Text erschien in COMPACT 11/2016

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Im Oktober ging Adam sucht Eva bereits in die dritte Staffel. Eine RTL-Dating-Show, in der unbekleidete Männer und Frauen sich auf einer «paradiesischen » Insel treffen. Angeblich, um dort die große Liebe oder – bescheidener – den nächsten Wochenend- Fick zu ergattern, Tag und Nacht beobachtet von einer Big-Brother-Kamera. Jetzt haben sich die Dramaturgen des FKK-Datings eine angebliche Steigerung ausgedacht: Nicht nur Nobodies sollen vor der Kamera ihre Brunstschreie ausstoßen, sondern auch Z-Promis aus dem Trash-TV.

Jede Wette: Künftige Historiker werden diese Dating-Show sichten, um den westlichen Menschen der Jahrtausendwende zu begreifen. Und sie werden hoffentlich keine Verachtung, sondern Mitleid empfinden.

Das Jammern der Intellektuellen

Zahlreiche Kritiker versicherten, dass diese Staffel in Sachen Peinlichkeit unbedingte Pionierarbeit geleistet habe und in bis dato unbekannte Geschmackstiefen vorgestoßen sei. Der Grund wird im mangelnden «Niveau» der Kandidaten gesucht. Aber was sagt dieser Vorwurf eigentlich? Was die Rezensenten von Adam sucht Eva so provoziert, ist in soziologischer Gegenwartsdiagnose längst Allgemeingut. In jedem Feuilleton spukt seit Jahrzehnten der «eindimensionale Mensch» (Herbert Marcuse), der «Terror der Intimität» (Richard Sennett) oder der «Tod der Liebe» (Eva Illouz). In solchen Theorien kann der moderne Schmalspur-Hedonist gar nicht fragmentiert genug erscheinen. Aber im TV vorgeführt bekommen möchte man ihn trotzdem nicht. Da schreit der kulturwissenschaftlich halbgebildete Intellektuelle nach einer aufgehübschten Fassade.

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Adam sucht Eva bestätigt aber nicht nur moderne Soziologie, sondern serviert dem Zuschauer ein exaktes Abbild von dem, was durchschnittliche Facebook- User als Selbstreklame posten, was ihnen unzählige Likes einbringt: Bilder und Videos von Reisen, Sonne, Strand. Sich selbst cocktailschlürfend, sonnenbebrillt und breit grinsend im Mittelpunkt positioniert, umringt von unverbindlichen Freund- und Liebschaften, die Hautpigmente kräftig gequält und hemmungslos Small-Talk-Unsinn labernd. Weitere Posts erzählen von Sport, Yoga, Bio-Fraß und «positivem Denken»… Ein eventreiches Leben, das ist das neue Statussymbol zeitgenössischer Neiderzeugung. Die Adam-sucht-Eva-Szenarien schauen aber hinter die sonnigen Glitzerfotos. Und was sieht man? Die zähe Pornographie des Banalen.

Vom Ende der Leidenschaft

Was wäre das Schlimmste, was dieser Dating-Show passieren könnte? Dass sich ein Kandidat wirklich verliebt. Dass es ihn umhaut. Dass die Passion ihn auffrisst. Bliebe seine Liebe unerwidert, folgten Depression und Verzweiflung. Keine Angst, das darf nicht passieren und das wird auch nicht passieren. Dafür sorgen Sender und Kandidaten. Das Schutzwort heißt Reduktion. Die verrät sich bereits im Vokabular
der Akteure: So erklärt Stripper Jesse schon während der Fahrt zur Insel, dass ihm One-Night-Stands sehr behagen würden. Die seien nämlich gut für sein «Gehänge». Im vergangenen Jahr bezeichnete ein Kandidat sein Genital als «Mister Torpedo». Wer jetzt den Untergang des Abendlandes wittert, kennt noch nicht englische oder australische Variante. Im britischen Dating-TV bekommt die partnersuchende Kandidatin ausschließlich die Penisse der Anwärter vorgeführt. Die muss sie bewerten und daraus auf die Lover-Qualitäten des Besitzers schließen. Im Gegenzug begründen die Männer ihr Interesse mit dem Schamhaarwuchs der Kandidatin (gut frisiert oder zu wild gewachsen?). Am Härtesten geht es im australischen Fernsehen zur Sache: Da veranstalten zwei nackte Männer ein Puppenspiel mit ihren Schwänzen. Die werden – je nach szenischer Anforderung – zum Ungeheuer von Loch Ness oder zum Eiffelturm geformt, gezogen und gebogen. Und in Brasilien dürfen Zuschauer raten, welche Brüste oder Gesäßäpfel der Models echt oder silikongepolstert sind. Und die Zuschauer? Die wiehern vor Lachen.

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Wo man derart reduziert, verniedlicht, verlacht, parodiert, ob verbal oder durch albernes Tun, da werden Angst und potentieller Kummer gebannt. Ist das Erotische, der sexuelle Körper zum Kinderspielzeug degradiert, schwindet die Furcht, der bedrückende Ernst. Denn Erotik ist kein harmloses Vergnügen: «Eros ist ein finsterer Gott», erkannte der Schriftsteller André Pieyre de Mandiargues. Man müsse sich den Liebesgott mit Tränen vorstellen. Folglich gäbe es für die Träger bedingungsloser Leidenschaft, für Romeo und Julia oder Penthesilea heute nur noch einen Platz – die Psychiatrie. Dementsprechend inszeniert kaum ein Theater deren Liebes-Tragödien heute ohne ironische Brechung. Mit stets gleicher Begründung: Das Absolute hat in Liebe und Erotik keine Gültigkeit mehr. Selbst aktuelle Teenager-Schmachtfetzen made in Hollywood haben das Feuer der Leidenschaft kräftig runtergedreht. Wie unerträglich cool wirkt das Paar aus Twilight – Biss zum Morgengrauen (2008) im Vergleich zu den Liebenden aus Sturmhöhe oder Vom Winde verweht (beide 1939)? «Die Liebe, wie wir sie in Westeuropa einige Jahrhunderte lang kannten, ist tot; sie wurde durch neue emotionale Formen ersetzt», sagt Eva Illouz. Das ist noch neutral gesagt. Denn man versucht, sie in unverbindliche «Spielerei» zu wandeln.

Als die Kandidaten bei Adam sucht Eva untereinander die Dauer ihrer bisherigen Beziehungen preisgaben, hörte man nur Wochen-, Monats- und niedrige Jahreszahlen. Gestand ein Kandidat eine dreijährige Beziehung ein, hieß es anerkennend, das sei aber lang… Ebenso unverbindlich und «spielerisch» ist diese Dating-Show. Man vergegenwärtige sich: In Adam sucht Eva verbringen mehrere splitternackte junge Frauen und Männer tagelang Zeit miteinander auf einer Insel. Und was passiert? Nichts! Sie reden banales Zeug, verrenken sich am Strand bei bescheuerten Sportübungen, stopfen gesunden Bio-Mampf in die durch Fitnessstudio und Silikon optimierten Körper, «sublimieren» Berührungswünsche in infantiles Bodypainting und schlafen seelenruhig nebeneinander (Ja, die können in dieser Konstellation tatsächlich pennen!). Sie scheinen nackt und gläsern, aber in ihnen gähnt pure Leere. Wie stark hat der Mensch seine elementaren Triebe und Emotionen bereits verdrängt, um dies überhaupt auszuhalten?! Sie wurden ersetzt durch zur Schau gestellte Relaxtheit und gute Laune. Man treibt Kult um einen Körper, den keiner zu begehren wagt. Es ist diese verdrängte, ins Alberne deformierte Erotik, die das Geschehen langweilig werden lässt. Ein Kritiker bezeichnete diese Insel als «Nacktknast». Ja, aber im Knast sitzen nicht die Körper, sondern die Emotionen der Kandidaten. Wer sich über die Prüderie im Katholizismus oder im Islam aufregt, kennt Adam sucht Eva noch nicht.

Rudeltiere und Alpha-Männchen

Die Erotik des unmittelbar präsenten Körpers wird soweit weggeschoben, dass seine Attraktion nur noch aus der Prominenz des Besitzers oder eines Befummlers besteht: Am vierten Tag betrat Janina Youssefian die Insel. Ihre Z-Prominenz verdankt sie der Tatsache, dass Blödelgreis Dieter Bohlen sie vor 16 Jahren bei einem One-Night-Stand vernascht hat. Erst nachdem sie der Herrenrunde davon berichtet hatte, kam Stimmung auf. Die Männer wollten Details hören. Janinas Körper war plötzlich von Bedeutung, weil er vom Alpha-Männchen Bohlen befingert worden war. Ihre Haut wurde Symbol seiner Anwesenheit. Ihm galt das eigentliche Interesse.

Periodisch schlägt der Terror des Banalen in Aggression um: Wenn Moderator Peer Kusmagk bei einem Kerzendinner das peinliche Schweigen mit einem Rülpser sprengt oder Stripper Jesse eine Eva wegen ihres Körper beleidigt, herrschen sofort Krawallstimmung und Hahnenkampf. Aber schon das kurzfristige Bröckeln der Coolness-Masken ist nicht von Dauer: Keine seelischen Abwehrkräfte finden sich in den Luxusbodies, es gibt null Kraft zur ernsthaften Auseinandersetzung. Sofort verlässt Jess die Insel. Harmonie oder Abgang – dazwischen gibt es nichts. Das Kommunikationsverhalten ist also nicht nur auf erotischer Ebene verkorkst.

Auf dieser Insel der verlorenen Seelen hat ein Ronald Schill leichtes Spiel – so leicht wie mit Hamburgs Schickeria, der er zur Jahrtausendwende versprach, sie mit seiner Protestpartei vor dem Zorn der Plebs zu schützen. Kaum angekommen, startete der selbsternannte Richter Gnadenlos eine Charmeoffensive bei den Evas: Schill kniete vor der Erstbesten nieder, ließ sie anschließend stehen und überkübelte dann die schöne Deutsch-Amerikanerin Chantel mit Komplimenten aus der Mottenkiste. Das Rudel fand das Verhalten des Juristen gentlemanlike. Dabei ist Schill ein inhaltsloser Narziss und sticht nur durch seine Übertreibung und Floskelproduktion heraus. Er ist das Vorzeigemodell aller Optimierungs-Workshops. Ecce homo – der moderne Erfolgsmensch. Aber auch er ging zuletzt leer aus.

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