Heute vor 55 Jahren: Der Mord an John F. Kennedy ist ein Schlüsselereignis zum Verständnis des Tiefen Staates in den USA.

    Die aktuelle COMPACT-Spezial “Politische Morde – Die Blutspur der letzten 100 Jahre” leuchtet auch in die Abgründe, die sich mit der Bluttat von Dallas eröffneten. Der folgende Text ist ein Auszug aus dieser Sonderausgabe. Hier bestellen.

    22. November 1963: Eigentlich hatte der Tag für den Präsidenten ganz gut angefangen. Die Wolken hatten sich verzogen und die Sonne schien, als er an Bord der Air Force One auf dem Flughafen von Dallas landete. In einer Wagenkolonne fuhren sie in die Innenstadt. Er und seine Frau saßen hinten in der offenen schwarzen Lincoln-Limousine und winkten den Massen zu, die überall die Gehsteige säumten. Die Frau des Gouverneurs auf dem Vordersitz wandte sich zu ihm um: «Herr Präsident, Sie können nicht sagen, dass Texas Sie nicht mag.» Da peitschten Schüsse. John F. Kennedy fasste sich über den Krawattenknoten. Die Kugel hatte seinen Hals durchschlagen. Jacqueline schrie: «Was machen sie mit Dir? Ich liebe Dich!» Sicherheitsbeamte warfen sich über das Paar, Reifen quietschten. Der Wagen mit dem sterbenden Präsidenten raste zum nahe gelegenen Krankenhaus. Eine halbe Stunde später verkündeten die Ärzte seinen Tod.

    Kennedys Sünden

    Der jugendliche Präsident mit den Initialen JFK war mithilfe der Mafia 1960 ins Weiße Haus gekommen und erfüllte zunächst deren Erwartungen: 1961 befahl er die Invasion Kubas – ganz im Sinne der Paten, die sich ihre von Fidel Castro enteigneten Spielcasinos, Puffs und Haciendas zurückholen wollten. Doch das geheime Landeunternehmen in der Schweinebucht scheiterte im Kugelhagel der Verteidiger. Kennedy zog seine Lehren daraus und ging auf Distanz zu Exilkubanern und CIA.

    Ein Jahr später: Nachdem sowjetische Mittelstreckenraketen auf der Zuckerinsel entdeckt worden waren, verhängten die USA eine Seeblockade. Im geheimen Krisenstab ExComm trommelte das Oberkommando der Streitkräfte zum Angriff auf die Stellungen der feindlichen Supermacht. 13 Tage lang stand die Welt am atomaren Abgrund. Doch Kennedy überging seine Generäle und baute eine direkte Kommunikationsverbindung zum russischen Staatschef Nikita Chruschtschow auf. Die beiden fanden einen Kompromiss, der nukleare Schlagabtausch wurde in letzter Sekunde verhindert. Die Militärs grollten.
    Der Kalte Krieg hatte seinen Zenit überschritten, als Kennedy außerdem Ansätze eines Rückzugs der US-Militärberater aus Südvietnam erkennen ließ. Als er im Sommer 1963 gar noch Gesetze vorbereitete, die die Macht der privaten Banken über die Geldpolitik der USA gebrochen hätten, war sein Todesurteil gesprochen.

    Die magische Kugel

    Nach der offiziellen Theorie war der Kennedy-Mörder ein Einzeltäter: Lee Harvey Oswald, ein Sonderling mit Kontakten in die Sowjetunion und zur Mafia. Das Problem: In ersten Vernehmungen leugnete er das Verbrechen. Zumindest so viel weiß man, wenn auch nicht mehr. Buchautor Mathias Bröckers (JFK – Staatsstreich in Amerika) schrieb: «Erstaunlicherweise gibt es von dem Verhör aber kein Protokoll, mit dem Hinweis, wir hatten gerade kein Tonband zur Hand. Also, der Präsidentenmörder wird acht Stunden lang verhört. Und man kann leider nicht mitschneiden. Und ein Stenograf war auch gerade keiner da. Das ist alles völlig absurd.»

    Oswald wurde zwei Tage nach dem Attentat von dem Nachtclubbesitzer Jack Ruby – ebenfalls ein Mafioso – vor laufender Kamera erschossen. Diese Hinrichtung und die angebliche Flugrichtung der zweiten Kugel aus Oswalds Gewehr – ein physikalisch kaum plausibler Zickzack-Kurs, man sprach von der «magischen Kugel» – scheinen zu beweisen, dass er nicht oder zumindest nicht allein schuldig war. Der Tatverdächtige erklärte nach seiner Festnahme: «Ich bin der Sündenbock hier.»

    Hatte es einen weiteren Schützen gegeben? Auf Tonbandaufnahmen hört man angeblich, wie neben den drei Schüssen aus Oswalds Gewehr eine vierte Kugel abgefeuert wurde. Ein Foto von einer nahe gelegenen Anhöhe, dem Grassy Knoll, soll den zweiten Täter sogar zeigen. Stärker als diese strittigen Indizien sprechen die Aufnahmen aus einem zufälligen Amateurmitschnitt für einen zweiten Mann – dieser 8mm-Streifen des Hobbyfilmers Abraham Zapruder ist auch in Oliver Stones Hollywood-Blockbuster JFK immer wieder zu sehen. Die Aufnahmen zeigen, wie durch den letzten, den einzig tödlichen Schuss Kennedys Stirn aufplatzt und sein Körper nach hinten geworfen wird. Das deutet klar darauf hin, dass die Kugel von vorne kam. Os- wald aber schoss von hinten.

    https://www.youtube.com/watch?v=iU83R7rpXQY

    «Schon die zweite offizielle Untersuchung durch das House Select Commitee on Assasinations in den 1970er Jahren stellte fest, dass der Warren-Report von 1964, der in 26 Bänden die Einzeltäterschaft von Lee Harvey Oswald beweisen wollte, nicht der Wahrheit entsprechen kann», fasst Bröckers zusammen. Präsident Donald Trump versprach nach seinem Amtsantritt, die bis dato gesperrten JFK-Akten freizugeben. Tatsächlich erwies sich das als Luftnummer: Laut Bröckers wurden nur 52 Dokumente, die vorher unter Verschluss waren, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Insbesondere hält die CIA weiterhin folgende Akten geheim: (Weiterlesen in COMPACT-Spezial “Politische Morde”).

    Der amerikanische Albtraum

    Mit der Beseitigung von JFK und der Amtsübernahme durch seinen Stellvertreter Lyndon B. Johnson war der Weg frei zur Ausweitung des Vietnamkrieges. Doch als im Jahr 1968 wieder Präsidentschaftswahlen anstanden, erhob sich das Kennedy-Gespenst rasselnd aus der Gruft. JFKs jüngerer Bruder Robert («Bobby») hatte als Justizminister von 1960 bis 1963 seine Unbestechlichkeit bewiesen und sich sowohl für die Mafia wie den Ku-Klux-Klan-Untergrund – samt den CIA-Paten von beiden – zu einem Angstgegner entwickelt. Der Mord von Dallas hatte ihn geschockt – und radikalisiert. Als der Bombenterror am Mekong in den USA Hunderttausende auf die Straßen trieb, sahen sie in dem Jüngeren die Auferstehung des amerikanischen Traums, von dem der Ältere gesprochen hatte. Nachdem Amtsinhaber Johnson bei den Vorwahlen eine erste Schlappe erlitten hatte, warf Bobby seinen Hut in den Ring. (Weiterlesen über den Mord an Bobby Kennedy in COMPACT-Spezial “Politische Morde”).

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    COMPACT-Spezial 19 | Politische Morde – Die Blutspur der letzten 100 Jahre

    Folgende politischen Mordfälle werden in COMPACT-Spezial Nr. 19 behandelt:

    Krieg und Unfrieden
    Franz Ferdinand/Sarajevo 1914
    Luxemburg / Liebknecht 1919
    Rathenau 1922
    Schlageter 1923
    Nacht der langen Messer 1934
    Theodor Lessing 1934

    Mord im Kalten Krieg
    Hammarskjöld / Lumumba 1961
    Marilyn Monroe 1962
    John F. Kennedy, Robert Kennedy 1963/1968

    Bleierne Jahre
    Hanns Martin Schleyer 1977
    Siegfried Buback 1977
    Stammheim 1977
    Aldo Moro 1978

    Im Fadenkreuz der Geheimdienste
    Olof Palme 1986
    Rudolf Heß 1987
    Uwe Barschel 1987
    Herrhausen/Rohwedder 1989/1991
    Boris Floricic/Tron 1998
    NSU 1999-2011

    Entsorgung der Unbequemen
    Jürgen W. Möllemann 2003
    Jörg Haider 2008
    Kirsten Heisig 2010
    Alexander Musytschko 2014

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